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Texte

Lilia Bastron zu der Arbeit "Sitze 1 -8", 2023

Nicht alle Aufeinandertreffen im Leben sind tiefgründig oder lebensverändernd. Bei genauerer Überlegung überwiegen diejenigen kleinen, kurzen, flüchtigen Augenblicke des Alltags.

Der Kassierer im Rewe, die Dame von der Bäckerei, die Fremde im Nebensitz der Bahn.

Erinnern sie sich an sie? An die Kleidung, die Haarfarbe, ob sie telefoniert hat oder Candy Crush spielte? Vermutlich nicht. Zumindest nicht konkret. Ein augenblicklicher Moment im Leben eines Jeden.

 

Diese flüchtigen Momente des Alltags versucht Elisa Lohmüller in ihrem Schaffen stets künstlerisch aufzugreifen. Ein bestimmter Arbeitsprozess visualisiert sich auch bei encounters durch zwei verschiedene Arbeiten. In Sitze 2, 2023 sehen Sie zwei beige, gold schillernde Flächen, die an Rückenlehnen erinnern. Bei HVZ (Kontrollprint), 2023 handelt es sich um eine Risographie, die an eine Abnahme von Fingerabdrücken erinnert. Tatsächlich handelt es sich bei beiden Arbeiten um Abbildungen der Rückenlehnen in der Züricher S-Bahn. Bei genauer Betrachtung der Risographie erkennt man dunkle Stellen, deren Positionierung uns viel über die Interaktionen zwischen den Bahnfahrenden beibringt. Ein unbewusster Abdruck, den die Bahnfahrenden hinterlassen und dabei einander auf indirekte Art und Weise in denselben Sitzen begegnen. Wir als Besucher*innen haben ebenfalls die Chance auf diese Menschen zu treffen! Über mehr als drei Tage hinweg hat Lohmüller mit einem Staubsauger die Lehnen der Sitze in der Züricher S-Bahn gesaugt. Angedickt mit Cellulose, einer geleeartigen Masse, sehen Sie das Ergebnis hier an der Wand. Der/Die ein oder andere Mutige kann sich gerne daran versuchen, am Werk zu riechen, und sich auf einer weiteren Sinnebene damit vertraut machen. Wir alle sind damit um eine Schweizer Begegnung bereichert und die Zürcher S-Bahn dank der Künstlerin sauberer geworden.

Grundsätzlich beschäftigt sich Elisa Lohmüller in ihren Werken verstärkt mit Vergänglichkeit. Ein roter Faden durchstreift ihre Arbeiten und spiegelt sich vor allem in Materialwahl und Präsentation wider. Herauszulesen ist eine Neuinterpretation des Vanitas-Motivs. So sind die Arbeiten der Künstlerin eine ständige Untersuchung der Prozesshaftigkeit.

 

Einführungsrede von Lilia Bastron , B.A Kunstwissenschaft., Kunsthalle Tübingen

über die Arbeit „Sitze 2“ und „HVZ (Kontrollprint)“ in der galerie lauffer, Stuttgart, 2023

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Sebastian Schmitt zu der Arbeit "in partikeln existieren", 2022

Auch die Arbeit in partikeln existieren von Elisa Lohmüller entsteht prozessual und basiert auf Materialforschungen der Künstlerin. Am Anfang steht ein flächiges Auftragen einer schwarzen Masse aus Glycerin, Essig, Stärke, Wasser und Pigment auf dem Boden. Im Stile einer informellen Komposition entstehen hierbei gestische Strukturen, die sich dann im Laufe der Zeit kontinuierlich verändern. Das schwarze, pigmentbasierte Gemisch zieht sich immer mehr zusammen und schrumpft. Die anfangs dichte Komposition unterteilt sich organisch in Farbinseln. Diese lassen sich sowohl einzeln, als auch im Kontext zueinander betrachten. Eine Setzung, die durch die Verortung auf dem Boden Assoziationen zu organischen Strukturen, wie sie in der Natur entstehen, weckt und eine Topographie der Vereinzelungen aus der Homogenität der Farbflächen entstehen lässt.

 

Sebastian Schmitt, Museumsleiter Galerie der Stadt Esslingen Villa Merkel,
über die Arbeit „in partikeln existieren“ in der Galerie Mark Müller, Zürich, 2022.

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