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Texte (Auswahl)

Viktoria Wilhelmine Tiedeke - Laudatio "REMONTANT", Crescere Stiftung, 2026

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So verhält es sich mit den Arbeiten von Elisa Lohmüller. Der wie beschrieben unsichere Raum öffnete den Rahmen für einige ihrer jüngsten „Versuchsanordnungen“. Dabei genügt es ihr nicht anlässlich der Zwischennutzung und in Referenz auf das ehemalige Verlagsgebäude auf Papier zu arbeiten, ihre Arbeiten greifen ganz fundamental, ja materiell in das war wir unter Papier verstehen ein. Die Materialität wird selbst zum Ausdruck; die Erscheinungsform zur Erzählung vom Prozess.

 

So sind Sie auf Ihrem Weg hier hinein in den größten Raum der Ausstellung bereits verschieden Variationen verarbeiteter Zellulose begegnet: Aufbäumend, plastisch. Großporig, gar mit architektonischer Spannkraft. Widerspenstig und selbstwirksam steht direkt am Eingang ein hochformatig gehängtes Netz von der Wand ab. Skulpturales Papier. Verknöchert. Steif. Ein Wandteppich. Ein Ereignis. Eine neue Dimension.

 

Richten wir einen detektivischen Blick auf das Kunstwerk, was ist (mit dem Papier) geschehen?

 

Elisa Lohmüller griff für diese Arbeit auf den Prozess traditioneller Papierherstellung zurück. Mit Hilfe des sogenannten Papierholländers, einer Maschine die bei der historischen Papierherstellung für die Zerkleinerung von Lumpen, Holzen oder Altpapier eingesetzt wurde – und wie wir sehen, auch weiterhin wird – entstand durch fortwährendes Schneiden, Pressen und Drücken ein homogener Brei aus Wasser und Fasern. Hier aus Eukalyptusfasern. Der Brei wird im Ergebnis Pulpe genannt.

 

Während der Zerfaserungsprozess normalerweise nur 30 Minuten in Anspruch nimmt, ließ Elisa Lohmüller die Maschine ganze 7 Stunden laufen. Die dadurch außergewöhnlich starke Verbindung von Zellulosefaser und Wasser führte zu einer extremen Dichte der Pulpe, wodurch sie die Fähigkeit erlangte, fest und unbiegsam zu werden.

 

Der Papierbrei also, die Pulpe, wurde mit einem Dressierbeutel in sorgfältig gezogenen Linien auf den Boden aufgetragen, wodurch ein von Künstlerinnenhand „gemaltes“ Bodenbild entstand, bis der Trocknungsprozess einsetzte, sich dabei die sorgfältig dahingezeichneten Linien verselbstständigten und ihrer eigenen physikalischen Logik des Materials folgten. Aus der Linienzeichnung wurde ein dreidimensionales Netz. Durch den eigentlichen „Fehler“ in der Herstellung – dem zu langen walzen und pressen im Holländer – wurde die bindende Eigenschaft von Papier erst sichtbar. Dabei scheint die Arbeit hier im Stadlerhaus mit ihrer skelettartigen, zerborstenen Struktur auch auf den Brand zu verweisen und transportiert Fragilität und Resilienz gleichermaßen.

 

Demgegenüber ist Papier in Elisa Lohmüllers zweiter Arbeit in auratischer Vollkommenheit präsent und bleibt als solches zu erkennen.

 

In die Oberfläche der großen von der Decke herabhängenden ebenfalls selbst hergestellten Papierbögen haben sich Wassertropfen eines Sprinklerkopfes eingeprägt. Die strahlend weiße, schwebende und dabei erhaben wirkende Präsenz im Raum kontrastiert mit dem noch vom Brand gezeichneten dunkleren Umfeld. Zugleich erinnern das Material Papier an die vormalige Nutzung als Verlagsgebäude und Druckerei und damit, der Verarbeitung von großen Papierbögen – in die sich hier und heute (nun wird es ebenso erzählerisch wie spekulativ) die Spuren des Wassers von den Löschzügen eingeschrieben hätten, hätte sich die Nutzung des Gebäudes nicht verändert. So sind die großformatigen Papierbögen eine zeitliche Klammer hinein ins Vergangene und Imaginative. Die Oberfläche des Papieres, seine Struktur erzählt stellvertretend für die vom Verlag hier einst gesetzte und gedruckte Schrift ganz implizit von der Geschichte des Ortes.

 

Von der Geschichte des Ortes, und, vom besagten Feuer, das Elisa Lohmüller vermag in ihren verbleibenden beiden Arbeiten ebenso sinnlich wie konzeptuell erfahrbar zu machen.

 

Viktoria Wilhelmine Tiedeke, Leitung Kunstmuseum Singen

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Julian Denzler - Die Fährtensucherin, 2025

 

Wer lebt, hinterlässt Spuren. Digitale und analoge, emotionale und administrative, dauerhafte oder flüchtige. Elisa Lohmüller richtet unseren Blick auf Spuren, die häufig übersehen werden – unsichtbar auf den ersten Blick oder verborgen als unbemerkter Teil des sinnlichen Grundrauschens. Mit feiner Aufmerksamkeit lenkt sie die Wahrnehmung an Orte, die sonst unbeachtet bleiben, und öffnet so Zugänge zu den leisen Erzählungen des Alltäglichen.

Ein prägnantes Beispiel dafür ist Bruised (2024/2025): Für diese Arbeit demontierte Lohmüller 81 Gehwegplatten des ehemaligen Zentralen Omnibusbahnhofs in Reutlingen. Im Ausstellungsraum wirken die gesäuberten Betonteile wie ein stilles Archiv urbaner Bewegungen. Die Abnutzungen, Verfärbungen und Spuren des Wartens sind lesbar wie ein visuelles Protokoll. Sie erzählen keine lineare Geschichte, sondern laden zum Deuten ein – wie ein Rätsel, das nur aus Indizien besteht.

Auch in Polster (2022) geht es um gespeicherte Spuren. Hier richtete Lohmüller ihren Blick auf Museumssessel in der Staatsgalerie Stuttgart. Fotografisch dokumentierte sie die Abdrücke und Falten, die Besucher*innen in den Designersesseln hinterlassen haben. Die Formen erzählen indirekt von Betrachtungsdauer, Interesse und Körperlichkeit der Museumsgäste. Erneut bekommen wir die Informationen ohne Lektüreschlüssel: Wie sind die Falten und Abschabungen zu deuten, welche Einbuchtung zeugt schlicht von einem dicken Hinterteil und was von einer überdurchschnittlichen Nutzung des Sessels? Lohmüller weist auf Verborgenes hin, überlasst die Einschätzung aber uns.

Neben einer nüchternen Genauigkeit durchzieht Lohmüllers Werk ein feiner, fast schelmischer Humor. In Keine Angabe (30 km/h, 80 km/h, 130 km/h, 200 km/h, 2024) ersetzte sie das Endstück eines Motorrad-Auspuffs durch ein Bauteil aus Titan. Je nach gefahrenem Tempo verfärbte sich das wärmeempfindliche Metall in zarte Blautöne. Geschwindigkeit übersetzte sich so in Farbe, je schneller, desto flächiger das Blau. Die Vorstellung von Geschwindigkeit als Ausdruck von Stärke wird hier sichtbar gemacht – und zugleich mit feinem Humor unterlaufen. 

Lohmüllers künstlerischer Ansatz kann als eine Mischung aus Laborantin und Detektivin beschrieben werden. In einigen Fällen entwickelt sie Versuchsaufbauten und macht die vorhandenen Informationen für uns zugänglich, wie im Fall des Auspuffs. In anderen Fällen begibt sie sich auf eine Fährte und spürt dieser nach bis aus Informationen Geschichten werden, die unerwartetes über unsere Zeit und unser Sein erfahren lassen. Alltägliche Materialien wie Beton, Stoff oder Metall verwandeln sich unter ihrer Hand in Träger von Geschichte und Bedeutung. Die Arbeiten liefern jedoch keine fertigen Erzählungen, sondern laden zum Ergänzen und Weiterdenken ein. Lohmüller legt Spuren frei und macht sie für uns zugänglich – die Geschichten dazu entstehen in unseren Köpfen.

 

Julian Denzler, Kurator des Aargauer Kunsthauses

Lohmüller, Gehwegplatten_07.jpg

Adrienne Braun - Staub und Tränen, 2025

 

Vermutlich saß hier gerade noch jemand, der reichlich Kilos auf die Waage dem Ledersessel in der Staatsgalerie Stuttgart. Elisa Lohmüller ist Museumsbesuchern gefolgt und hat die Abdrücke fotografiert, die sie den Polstern mit ihren Hinterteilen eingeschrieben haben - flüchtige Falten, die die Kamera für die Ewigkeit festgehalten hat. Um Spuren und Vergänglichkeit drehen sich ihre Arbeiten, die bei allem konzeptuellen Hintersinn häufig mit Witz und ironischem Augenzwinkern aufwarten. So war die Stuttgarter Kunststudentin mit dem Staubsauger in der Zürcher S-Bahn unterwegs. Der Dreck, den sie aus den Polstern zog, wurde recycelt und zu Kunst - zu ungegenständlichen Farbflächen, für die Lohmüller den Schmutz mit Zellulose mischte und in die Wand rieb. 

Am liebsten manipuliert Elisa Lohmüller ihr Material bei ungewöhnlichen Versuchsanordnungen. Für eine Art Wandteppich hat sie mit einem Teigdressierbeutel Papierfasermasse auf den Boden gespritzt. Beim Trocknen verformten sich die dünnen Streifen, ein großes, zartes Geflecht entstand, dessen Gestaltung nicht auf eine künstlerische Hand, sondern auf physikalische Prozesse zurückgeht. 

Meist ist der Faktor Zeit ein wichtiger Akteur, selbst wenn er sich oft nicht unmittelbar zu erkennen gibt - wie bei den Rohren, die Lohmüller aus der Wand wachsen lässt. Es sind Titanrohre, die die Künstlerin anstelle der üblichen Edelstahlrohre an ein Motorrad angebracht hat. Danach fuhr die Maschine in unterschiedlichen Geschwindigkeiten - und je schneller, desto stärker wurde das Rohr blau eingefärbt und so letztlich das Tempo sichtbar gemacht. Dass Elisa Lohmüller noch mitten im Studium steckt und doch schon erfolgreich ist, liegt am klugen Zusammenspiel von konzeptueller Idee und konsequenter Durchführung. Das Ergebnis können Skulpturen, Installationen, Fotografien sein oder auch schnöde Alltagsobjekte. Die junge Frau scheint aber auch schon die Schattenseiten des Künstlerdaseins zu kennen. Mehr als ein Jahr lang hat Lohmüller im Dienst der Kunst geschwitzt und geweint und ihre Körperflüssigkeiten gesammelt. Durch Erhitzen entstand ein Kristall, ein kleines, kostbares Juwel, das von den Mühen und Zweifeln als Künstlerin erzählt.

 

Adrienne Braun, Kunstjournalistin und Autorin

Im art Magazine, Rubrik „Starter - unsere Entdeckungen“, Juli 2025

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Dr. Bertram Kaschek über die Arbeit "Polster" in der Staatsgalerie Stuttgart, 2024

 

​​Im Zentrum von Elisa Lohmüllers künstlerischer Praxis stehen das Sammeln, das Herstellen und das Aufarbeiten von Spuren. Dass sie sich dabei bisweilen auch der Fotografie bedient, ist gewiss kein Zufall. Schließlich wurde die Fotografie in ihrer nahezu 200-jährigen Geschichte immer wieder als Lichtspur beschrieben. Lohmüllers Serie „Polster“ ist medienübergreifend angelegt und präsentiert zehn in Aufsicht fotografierte Cassina-Sessel des berühmten Architekten und Designers Le Corbusier. Die Titel der einzelnen Aufnahmen verweisen dabei auf die Standorte der Sessel vor Werken bestimmter Künstler in der Staatsgalerie Stuttgart. So erscheinen die Sitzflächen der schwarzen Ledersessel wie plastische Werke, die von den Besucherinnen und Besuchern der Staatsgalerie durch ein kollektives Unterfangen gestaltet worden sind: Mittels ihrer Gesäßabdrücke haben sie dem Akt der sitzenden Bildbetrachtung zu einer konkreten Materialisierung und einer jeweils ganz bestimmten Form verholfen, die von Lohmüller geradezu wie ein Porträt erfasst wird.

 

Dr. Bertram Kaschek
Kurator Deutsche und Niederländische Kunst vor 1800, Kunst auf Papier

Staatsgalerie Stuttgart

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Lilia Bastron über die Arbeit "Sitze 1 -8", 2023

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Nicht alle Aufeinandertreffen im Leben sind tiefgründig oder lebensverändernd. Bei genauerer Überlegung überwiegen diejenigen kleinen, kurzen, flüchtigen Augenblicke des Alltags.

Der Kassierer im Rewe, die Dame von der Bäckerei, die Fremde im Nebensitz der Bahn.

Erinnern sie sich an sie? An die Kleidung, die Haarfarbe, ob sie telefoniert hat oder Candy Crush spielte? Vermutlich nicht. Zumindest nicht konkret. Ein augenblicklicher Moment im Leben eines Jeden.

 

Diese flüchtigen Momente des Alltags versucht Elisa Lohmüller in ihrem Schaffen stets künstlerisch aufzugreifen. Ein bestimmter Arbeitsprozess visualisiert sich auch bei encounters durch zwei verschiedene Arbeiten. In Sitze 2, 2023 sehen Sie zwei beige, gold schillernde Flächen, die an Rückenlehnen erinnern. Bei HVZ (Kontrollprint), 2023 handelt es sich um eine Risographie, die an eine Abnahme von Fingerabdrücken erinnert. Tatsächlich handelt es sich bei beiden Arbeiten um Abbildungen der Rückenlehnen in der Züricher S-Bahn. Bei genauer Betrachtung der Risographie erkennt man dunkle Stellen, deren Positionierung uns viel über die Interaktionen zwischen den Bahnfahrenden beibringt. Ein unbewusster Abdruck, den die Bahnfahrenden hinterlassen und dabei einander auf indirekte Art und Weise in denselben Sitzen begegnen. Wir als Besucher*innen haben ebenfalls die Chance auf diese Menschen zu treffen! Über mehr als drei Tage hinweg hat Lohmüller mit einem Staubsauger die Lehnen der Sitze in der Züricher S-Bahn gesaugt. Angedickt mit Cellulose, einer geleeartigen Masse, sehen Sie das Ergebnis hier an der Wand. Der/Die ein oder andere Mutige kann sich gerne daran versuchen, am Werk zu riechen, und sich auf einer weiteren Sinnebene damit vertraut machen. Wir alle sind damit um eine Schweizer Begegnung bereichert und die Zürcher S-Bahn dank der Künstlerin sauberer geworden.

Grundsätzlich beschäftigt sich Elisa Lohmüller in ihren Werken verstärkt mit Vergänglichkeit. Ein roter Faden durchstreift ihre Arbeiten und spiegelt sich vor allem in Materialwahl und Präsentation wider. Herauszulesen ist eine Neuinterpretation des Vanitas-Motivs. So sind die Arbeiten der Künstlerin eine ständige Untersuchung der Prozesshaftigkeit.

 

Einführungsrede von Lilia Bastron, Kunstwissenschaftlerin

über die Arbeit „Sitze 2“ und „HVZ (Kontrollprint)“ in der galerie lauffer, Stuttgart, 2023

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Sebastian Schmitt über die Arbeit "in partikeln existieren", 2022

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Auch die Arbeit in partikeln existieren von Elisa Lohmüller entsteht prozessual und basiert auf Materialforschungen der Künstlerin. Am Anfang steht ein flächiges Auftragen einer schwarzen Masse aus Glycerin, Essig, Stärke, Wasser und Pigment auf dem Boden. Im Stile einer informellen Komposition entstehen hierbei gestische Strukturen, die sich dann im Laufe der Zeit kontinuierlich verändern. Das schwarze, pigmentbasierte Gemisch zieht sich immer mehr zusammen und schrumpft. Die anfangs dichte Komposition unterteilt sich organisch in Farbinseln. Diese lassen sich sowohl einzeln, als auch im Kontext zueinander betrachten. Eine Setzung, die durch die Verortung auf dem Boden Assoziationen zu organischen Strukturen, wie sie in der Natur entstehen, weckt und eine Topographie der Vereinzelungen aus der Homogenität der Farbflächen entstehen lässt.

 

Sebastian Schmitt, Museumsleiter Galerie der Stadt Esslingen Villa Merkel, über die Arbeit „in partikeln existieren“

in der Galerie Mark Müller, Zürich, 2022.

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