Texte (Auswahl)
Julian Denzler - Die Fährtensucherin, 2025
Wer lebt, hinterlässt Spuren. Digitale und analoge, emotionale und administrative, dauerhafte oder flüchtige. Elisa Lohmüller richtet unseren Blick auf Spuren, die häufig übersehen werden – unsichtbar auf den ersten Blick oder verborgen als unbemerkter Teil des sinnlichen Grundrauschens. Mit feiner Aufmerksamkeit lenkt sie die Wahrnehmung an Orte, die sonst unbeachtet bleiben, und öffnet so Zugänge zu den leisen Erzählungen des Alltäglichen.
Ein prägnantes Beispiel dafür ist Bruised (2024/2025): Für diese Arbeit demontierte Lohmüller 81 Gehwegplatten des ehemaligen Zentralen Omnibusbahnhofs in Reutlingen. Im Ausstellungsraum wirken die gesäuberten Betonteile wie ein stilles Archiv urbaner Bewegungen. Die Abnutzungen, Verfärbungen und Spuren des Wartens sind lesbar wie ein visuelles Protokoll. Sie erzählen keine lineare Geschichte, sondern laden zum Deuten ein – wie ein Rätsel, das nur aus Indizien besteht.
Auch in Polster (2022) geht es um gespeicherte Spuren. Hier richtete Lohmüller ihren Blick auf Museumssessel in der Staatsgalerie Stuttgart. Fotografisch dokumentierte sie die Abdrücke und Falten, die Besucher*innen in den Designersesseln hinterlassen haben. Die Formen erzählen indirekt von Betrachtungsdauer, Interesse und Körperlichkeit der Museumsgäste. Erneut bekommen wir die Informationen ohne Lektüreschlüssel: Wie sind die Falten und Abschabungen zu deuten, welche Einbuchtung zeugt schlicht von einem dicken Hinterteil und was von einer überdurchschnittlichen Nutzung des Sessels? Lohmüller weist auf Verborgenes hin, überlasst die Einschätzung aber uns.
Neben einer nüchternen Genauigkeit durchzieht Lohmüllers Werk ein feiner, fast schelmischer Humor. In Keine Angabe (30 km/h, 80 km/h, 130 km/h, 200 km/h, 2024) ersetzte sie das Endstück eines Motorrad-Auspuffs durch ein Bauteil aus Titan. Je nach gefahrenem Tempo verfärbte sich das wärmeempfindliche Metall in zarte Blautöne. Geschwindigkeit übersetzte sich so in Farbe, je schneller, desto flächiger das Blau. Die Vorstellung von Geschwindigkeit als Ausdruck von Stärke wird hier sichtbar gemacht – und zugleich mit feinem Humor unterlaufen.
Lohmüllers künstlerischer Ansatz kann als eine Mischung aus Laborantin und Detektivin beschrieben werden. In einigen Fällen entwickelt sie Versuchsaufbauten und macht die vorhandenen Informationen für uns zugänglich, wie im Fall des Auspuffs. In anderen Fällen begibt sie sich auf eine Fährte und spürt dieser nach bis aus Informationen Geschichten werden, die unerwartetes über unsere Zeit und unser Sein erfahren lassen. Alltägliche Materialien wie Beton, Stoff oder Metall verwandeln sich unter ihrer Hand in Träger von Geschichte und Bedeutung. Die Arbeiten liefern jedoch keine fertigen Erzählungen, sondern laden zum Ergänzen und Weiterdenken ein. Lohmüller legt Spuren frei und macht sie für uns zugänglich – die Geschichten dazu entstehen in unseren Köpfen.
Julian Denzler, Kurator des Aargauer Kunsthauses

Adrienne Braun - Staub und Tränen, 2025
Vermutlich saß hier gerade noch jemand, der reichlich Kilos auf die Waage dem Ledersessel in der Staatsgalerie Stuttgart. Elisa Lohmüller ist Museumsbesuchern gefolgt und hat die Abdrücke fotografiert, die sie den Polstern mit ihren Hinterteilen eingeschrieben haben - flüchtige Falten, die die Kamera für die Ewigkeit festgehalten hat. Um Spuren und Vergänglichkeit drehen sich ihre Arbeiten, die bei allem konzeptuellen Hintersinn häufig mit Witz und ironischem Augenzwinkern aufwarten. So war die Stuttgarter Kunststudentin mit dem Staubsauger in der Zürcher S-Bahn unterwegs. Der Dreck, den sie aus den Polstern zog, wurde recycelt und zu Kunst - zu ungegenständlichen Farbflächen, für die Lohmüller den Schmutz mit Zellulose mischte und in die Wand rieb.
Am liebsten manipuliert Elisa Lohmüller ihr Material bei ungewöhnlichen Versuchsanordnungen. Für eine Art Wandteppich hat sie mit einem Teigdressierbeutel Papierfasermasse auf den Boden gespritzt. Beim Trocknen verformten sich die dünnen Streifen, ein großes, zartes Geflecht entstand, dessen Gestaltung nicht auf eine künstlerische Hand, sondern auf physikalische Prozesse zurückgeht.
Meist ist der Faktor Zeit ein wichtiger Akteur, selbst wenn er sich oft nicht unmittelbar zu erkennen gibt - wie bei den Rohren, die Lohmüller aus der Wand wachsen lässt. Es sind Titanrohre, die die Künstlerin anstelle der üblichen Edelstahlrohre an ein Motorrad angebracht hat. Danach fuhr die Maschine in unterschiedlichen Geschwindigkeiten - und je schneller, desto stärker wurde das Rohr blau eingefärbt und so letztlich das Tempo sichtbar gemacht. Dass Elisa Lohmüller noch mitten im Studium steckt und doch schon erfolgreich ist, liegt am klugen Zusammenspiel von konzeptueller Idee und konsequenter Durchführung. Das Ergebnis können Skulpturen, Installationen, Fotografien sein oder auch schnöde Alltagsobjekte. Die junge Frau scheint aber auch schon die Schattenseiten des Künstlerdaseins zu kennen. Mehr als ein Jahr lang hat Lohmüller im Dienst der Kunst geschwitzt und geweint und ihre Körperflüssigkeiten gesammelt. Durch Erhitzen entstand ein Kristall, ein kleines, kostbares Juwel, das von den Mühen und Zweifeln als Künstlerin erzählt.
Adrienne Braun, Kunstjournalistin und Autorin
Im art Magazine, Rubrik „Starter - unsere Entdeckungen“, Juli 2025

Dr. Bertram Kaschek über die Arbeit "Polster" in der Staatsgalerie Stuttgart, 2024
Im Zentrum von Elisa Lohmüllers künstlerischer Praxis stehen das Sammeln, das Herstellen und das Aufarbeiten von Spuren. Dass sie sich dabei bisweilen auch der Fotografie bedient, ist gewiss kein Zufall. Schließlich wurde die Fotografie in ihrer nahezu 200-jährigen Geschichte immer wieder als Lichtspur beschrieben. Lohmüllers Serie „Polster“ ist medienübergreifend angelegt und präsentiert zehn in Aufsicht fotografierte Cassina-Sessel des berühmten Architekten und Designers Le Corbusier. Die Titel der einzelnen Aufnahmen verweisen dabei auf die Standorte der Sessel vor Werken bestimmter Künstler in der Staatsgalerie Stuttgart. So erscheinen die Sitzflächen der schwarzen Ledersessel wie plastische Werke, die von den Besucherinnen und Besuchern der Staatsgalerie durch ein kollektives Unterfangen gestaltet worden sind: Mittels ihrer Gesäßabdrücke haben sie dem Akt der sitzenden Bildbetrachtung zu einer konkreten Materialisierung und einer jeweils ganz bestimmten Form verholfen, die von Lohmüller geradezu wie ein Porträt erfasst wird.
Dr. Bertram Kaschek
Kurator Deutsche und Niederländische Kunst vor 1800, Kunst auf Papier
Staatsgalerie Stuttgart




Lilia Bastron über die Arbeit "Sitze 1 -8", 2023
Nicht alle Aufeinandertreffen im Leben sind tiefgründig oder lebensverändernd. Bei genauerer Überlegung überwiegen diejenigen kleinen, kurzen, flüchtigen Augenblicke des Alltags.
Der Kassierer im Rewe, die Dame von der Bäckerei, die Fremde im Nebensitz der Bahn.
Erinnern sie sich an sie? An die Kleidung, die Haarfarbe, ob sie telefoniert hat oder Candy Crush spielte? Vermutlich nicht. Zumindest nicht konkret. Ein augenblicklicher Moment im Leben eines Jeden.
Diese flüchtigen Momente des Alltags versucht Elisa Lohmüller in ihrem Schaffen stets künstlerisch aufzugreifen. Ein bestimmter Arbeitsprozess visualisiert sich auch bei encounters durch zwei verschiedene Arbeiten. In Sitze 2, 2023 sehen Sie zwei beige, gold schillernde Flächen, die an Rückenlehnen erinnern. Bei HVZ (Kontrollprint), 2023 handelt es sich um eine Risographie, die an eine Abnahme von Fingerabdrücken erinnert. Tatsächlich handelt es sich bei beiden Arbeiten um Abbildungen der Rückenlehnen in der Züricher S-Bahn. Bei genauer Betrachtung der Risographie erkennt man dunkle Stellen, deren Positionierung uns viel über die Interaktionen zwischen den Bahnfahrenden beibringt. Ein unbewusster Abdruck, den die Bahnfahrenden hinterlassen und dabei einander auf indirekte Art und Weise in denselben Sitzen begegnen. Wir als Besucher*innen haben ebenfalls die Chance auf diese Menschen zu treffen! Über mehr als drei Tage hinweg hat Lohmüller mit einem Staubsauger die Lehnen der Sitze in der Züricher S-Bahn gesaugt. Angedickt mit Cellulose, einer geleeartigen Masse, sehen Sie das Ergebnis hier an der Wand. Der/Die ein oder andere Mutige kann sich gerne daran versuchen, am Werk zu riechen, und sich auf einer weiteren Sinnebene damit vertraut machen. Wir alle sind damit um eine Schweizer Begegnung bereichert und die Zürcher S-Bahn dank der Künstlerin sauberer geworden.
Grundsätzlich beschäftigt sich Elisa Lohmüller in ihren Werken verstärkt mit Vergänglichkeit. Ein roter Faden durchstreift ihre Arbeiten und spiegelt sich vor allem in Materialwahl und Präsentation wider. Herauszulesen ist eine Neuinterpretation des Vanitas-Motivs. So sind die Arbeiten der Künstlerin eine ständige Untersuchung der Prozesshaftigkeit.
Einführungsrede von Lilia Bastron, Kunstwissenschaftlerin
über die Arbeit „Sitze 2“ und „HVZ (Kontrollprint)“ in der galerie lauffer, Stuttgart, 2023
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Sebastian Schmitt über die Arbeit "in partikeln existieren", 2022
Auch die Arbeit in partikeln existieren von Elisa Lohmüller entsteht prozessual und basiert auf Materialforschungen der Künstlerin. Am Anfang steht ein flächiges Auftragen einer schwarzen Masse aus Glycerin, Essig, Stärke, Wasser und Pigment auf dem Boden. Im Stile einer informellen Komposition entstehen hierbei gestische Strukturen, die sich dann im Laufe der Zeit kontinuierlich verändern. Das schwarze, pigmentbasierte Gemisch zieht sich immer mehr zusammen und schrumpft. Die anfangs dichte Komposition unterteilt sich organisch in Farbinseln. Diese lassen sich sowohl einzeln, als auch im Kontext zueinander betrachten. Eine Setzung, die durch die Verortung auf dem Boden Assoziationen zu organischen Strukturen, wie sie in der Natur entstehen, weckt und eine Topographie der Vereinzelungen aus der Homogenität der Farbflächen entstehen lässt.
Sebastian Schmitt, Museumsleiter Galerie der Stadt Esslingen Villa Merkel, über die Arbeit „in partikeln existieren“
in der Galerie Mark Müller, Zürich, 2022.

